1. Die Aufnahmeregel

Die Tiefeninformation darf gewisse Grenzen nicht überschreiten.

 

Warum ist die Aufnahmeregel einzuhalten?

Da unser Gehirn nur eine begrenzte Tiefeninformation verarbeiten kann, muss auch die im Stereobild enthaltene Tiefe begrenzt sein, damit das gesamte Stereobild als ein einheitliches Raumbild wahrgenommen werden kann. Eine Verletzung der Aufnahmeregel führt im schlimmsten Fall zu einem Zerfall des Raumbildes in einzelne Bildteile. Die Aufnahmeregel ist eine unter allen Umständen einzuhaltende Bedingung für ein angenehm zu betrachtendes Stereobild.

 

Welche Grenzwerte und Toleranzen gibt es bei der Aufnahmeregel?

Bei der Aufnahme eines Stereobildes erzeugt die räumliche Tiefe einen seitlichen Versatz der beiden korrespondierenden Bildpunkte im linken und rechten Stereoteilbild. Für nahe Objekte ist dieser Versatz groß, für entfernte Objekte klein. Die Differenz zwischen dem größten (durch den ‚Nahpunkt‘ erzeugten) und dem kleinsten (durch den ‚Fernpunkt‘ erzeugten) Versatz nennt man Deviation. Die Deviation sollte normalerweise 1/30 der gesamten ohne Kopfverdrehen erfassbaren Bildbreite nicht überschreiten (für die Experten: dieser Wert folgt aus der 70'-Bedingung).

Anmerkung 1: Wenn es das Motiv zulässt, kann auch der Bildraum vor dem Scheinfenster genutzt werden. Für diese Fälle gilt eine erhöhte Deviationsgrenze, deren genauer Wert aber vom Motiv abhängig ist. Für die Bildanteile, die vor dem Scheinfenster liegen, kann eine zusätzliche Deviation bis 1/50 der Bildbreite meist gut akzeptiert werden.

Anmerkung 2: Die Beschränkung der Deviation auf 1/30 der Bildbreite bezieht sich immer auf den gleichzeitig erfassbaren Bildbereich, ohne dass der Kopf bewegt werden muss. Ist beispielsweise das projizierte Stereobild so groß, dass es nicht mehr gleichzeitig wahrgenommen werden kann, ist der maximale Deviationswert entsprechend zu reduzieren. Für die Kinoprojektion mit sehr großen Leinwänden wird deshalb eine reduzierte Deviation von 1/40 der Bildbreite empfohlen.

Anmerkung 3: Bei Präsentationen mit variierenden Höhen/Seitenverhältnissen sind alle individuellen maximalen Deviationswerte auf die Bildbreite des breitesten Bildes zu beziehen. Dies führt für die Hochformat-Bilder in der Regel zu deutlich höheren maximalen Deviationswerten.

Anmerkung 4: Der maximale Seitenversatz von 1/30 der Bildbreite ist als obere Grenze zu verstehen und kann im Einzelfall auch schon zu groß sein, besonders wenn sich das Nahpunktobjekt und das Fernpunktobjekt in einem Stereobild gerade schneiden.

 

Eine einfache Abstandsbedingung zum Einhalten der Aufnahmeregel lautet:

 

Nahpunktweite > Stereobasis mal Brennweite (alles in mm).

 

 

Aufnahmeregel: Bei der Aufnahme auf ausreichenden Abstand achten!

 

Die Nahpunktweite ist die Entfernung zwischen der Kamera und dem vordersten Motivpunkt. Die Aufnahmebasis (Abstand der Objektive) beträgt bei echten Stereokameras etwa 65mm. Häufig findet man - besonders in der älteren Literatur - statt der Brennweite einen festen Wert, beispielsweise 35 oder 50mm. Da die meisten heute verkauften Stereokameras Zoom-Objektive mit verstellbaren Brennweiten besitzen, haben diese einfachen und nur für die entsprechenden Festbrennweiten gültigen Faustformeln nur noch einen eingeschränkten Wert. Die oben angegebene Abstandsbedingung gilt für alle Motive, welche den Unendlichpunkt (also z.B. den Horizont) als Bildbestandteil enthalten.

 

Wie halte ich die Aufnahmeregel ein?

Bei der Aufnahme ist lediglich dafür zu sorgen, dass kein Aufnahmeobjekt der Kamera näher ist als die mit der obigen Abstandsbedingung berechnete zulässige Nahpunktweite, also beispielsweise 2,3m bei 35mm Brennweite, 3,3m bei 50mm Brennweite oder 4,5m bei 70mm Brennweite (bei 65mm Aufnahmebasis). Falls der Fernpunkt nicht im Unendlichen liegt, die Aufnahmeszene also nicht bis ins Unendliche reicht, darf die Nahpunktweite etwas reduziert werden. Den genauen Wert erfährt man durch Anwendug des Stereobasisrechners. (Alle Brennweitenangaben sind äquivalent auf das Kleinbildformat bezogen.)

 

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Goldene Regeln
Rahmungsregel
Wiedergaberegel

 

Bildnachweise: Bearbeitung von Gerhard P. Herbig nach Chaval’s Fotoschule, Diogenes Verlag, Zürich.